Verkehr und Klimaschutz in Hamburg kommen auf keinen grünen Zweig

Liebe Freundinnen und Freunde von KURS FAHRRADSTADT,

das Jahr nähert sich dem Ende und gleichzeitig beginnt in unserer Stadt ein Wahlkampf, bei dem Fragen rund um das Rumkommen vielleicht sogar wahlentscheidend werden können. Denn Mobilität bewegt, in Hamburg in letzter Zeit sogar die meisten Gemüter. Im breit angelegten Bürgerbeteiligungsverfahren „Hamburg besser machen“ von ZEIT und Körberstiftung führen die Themen Radverkehr und Autofreiheit in der City und Quartierszentren das Ranking der drängendsten Probleme in der Stadt an, sogar noch vor der Wohnungsproblematik. So gesehen war die Ausgangslage noch niemals besser als derzeit, es in der Hand zu haben, endlich sinnvolle Veränderungen in die Wege zu leiten – das sollte uns doch optimistisch stimmen, eigentlich.

Klimaschutz in Hamburg soll Gesetz werden

Über 60.000 Menschen (Veranstalterangaben [Polizei: 30.000] NDR – 5 nach 12: Zehntausende bei Klimademo) sind am 29. November trotz Kälte erneut zum globalen Klimastreik von Fridays for Future in Hamburg auf die Straßen gegangen, um die Verantwortlichen zu ermahnen, jetzt zu handeln. Passend zur gerade stattfindenden Klimakonferenz in Madrid veröffentlichen Wissenschaftler und Experten neue Zahlen, wie viel CO2 eingespart werden muss, um das 1,5 Grad Ziel von Paris noch zu erreichen. Immer drastischer werden die Warnungen, immer größer die Kontingente, die es zu vermeiden gilt, immer schwerer die Last, die heute wir und morgen unsere Kinder tragen müssen und immer näher kommen die Kipppunkte, hinter denen es kein Zurück mehr gibt. Und dennoch scheint es vor allem im Bereich der Hamburger Mobilität weiter keine neuen Denkweisen zu geben – nicht mal ein Lichtblick ist am Stadthorizont zu erkennen. Wie kann das sein?

Erst vor einigen Tagen hat der rotgrüne Senat einen Entwurf für ein Klimaschutzgesetz für Hamburg vorgestellt. Es ist unterteilt in 6 Kapitel, das letzte setzt sich mit der Mobilität in Hamburg auseinander. Natürlich möchte man hier voran kommen, HVV ausbauen und weiter Radverkehr stärken, alles schön und gut. Allein, was fehlt, ist das klare Bekenntnis dazu, diesen Wünschen auch zur Wirklichkeit zu verhelfen.

Auszug aus dem geplanten Hamburger Klimaschutzgesetz:

Sechster Teil
Klimaschutz im Verkehr

§ 29 Nachhaltige Mobilität

(1) Ziel der Freien und Hansestadt Hamburg ist es, eine nachhaltige und emissions-
arme Mobilität im Sinne von § 4 Absatz 3 zu erreichen, insbesondere durch:

  • 1. die Verbesserung und Optimierung des Angebots des öffentlichen Personennah-verkehrs (ÖPNV) mit dem Ziel einer Steigerung des ÖPNV-Anteils,
  • 2. die schrittweise Ersetzung von Fahrzeugen mit fossilen Antrieben durch andere klimafreundliche Antriebsformen; hierbei gilt eine uneingeschränkte Technologie-offenheit,
  • 3. die Steigerung des Anteils von Rad- und Fußgängerverkehr,
  • 4. geeignete verkehrsberuhigende und verkehrsreduzierende Maßnahmen.

(2) Alle mobilitäts- und infrastrukturbezogenen Planungen berücksichtigen in besonderer Weise die Ziele dieses Gesetzes. Beim Bau oder Umbau von öffentlichen Straßen sind die Ziele dieses Gesetzes zu beachten und zu fördern. Es wird darauf hingewirkt, dass diese den Erfordernissen eines attraktiven und sicheren Fahrrad- und Fußgängerverkehrs entsprechen und ausreichend Raum für öffentliche Ladeinfrastruktur für elektrische Fahrzeuge oder Fahrzeuge mit anderen alternativen Antrieben geschaffen wird.

Kein Wort dazu, den Umweltverbund zu priorisieren, keine Vorgaben, wie hoch Steigerungsraten sein sollen und keine Angaben darüber, was genau „geeignete Maßnahmen“ sein sollen. So wird wohl weiter Straße um Straße und Kreuzung um Kreuzung und vielleicht auch vor Gericht darum gekämpft werden, wer oder was hier Vorrang erhält, wer öffentlichen Raum behalten, abgeben muss oder hinzu bekommt.

Gerade, wo nun dieses „feelgood“-Klimaschutzgesetz kommen soll, lässt sich in der Stadt weiter eindrucksvoll beobachten, wie Politiker*innen, die Verkehrsbehörde und Planende von ebendiesen Zielen offenbar noch nie gehört haben – oder, schlimmer noch – wie sie ihnen schnurzegal sind. Egal, wohin man Blickt, die Inkonsequenz und Ignoranz dem wichtigen Thema gegenüber zieht sich wie ein roter Faden durch im Grunde alle Bereiche, die den Verkehr in dieser Stadt berühren.

Dabei geht es auch anders: Ein Blick in eine Kurzfassung des Umweltbundesamtes zu „Wegen in die Treibhausgasneutralität“ (Seite 42 ff) oder in den Climate-Action-Plan aus Helsinki (Treibhausgase des Verkehrs müssen dort bis 2035 um 69% sinken) ist aufschlussreich: Wie Helsinki das machen will, steht dort auf Seite 55:

Greenhouse gas emissions caused by traffic can be reduced by changing the following:

  • Distance traveled
  • Mode of transport
  • Unit emissions, i.e., the amount of emissions per travel kilometer.

The City can influence the travel distances and modes of transport through land use planning and pricing and by providing sustainable transport options. Unit emissions are affected by technological development, i.e., more advanced propulsion options (electricity, biofuels) and engine efficiency (output).

Durch beide eben genannten Beispiele weht definitiv ein anderer Sound als durch Hamburgs Klimaschutzgesetz-Entwurf. Nicht Hamburgs „Hinwirken“ auf etwas, sondern klare Ansagen, was die Stellschrauben sind – und dass sie entsprechend genutzt werden müssen.

Klimaschutz, Bus, Straßenbahn, Fahrrad und Fußgänger – alle schauen im Hamburg-Verkehr in die Röhre

Nehmen wir zuerst den ÖPNV: Wer schon einmal in den Bussen der Linien 183, 283 und der im teils im 4-Minutentakt verkehrenden Metrobuslinie 3 zwischen Stresemann-, Holsten- und Kieler Straße gefahren ist, hat sicher gemerkt, dass hier rund um die Rushhour gar nichts mehr geht. So lange die Busse gefühlt teilweise eine Viertel Stunde für gerade mal 150 Meter brauchen, um sich durch sie belagernde und in Stau stehende PKW-Massen zu bewegen, braucht man sich um neue Expressbusse zwischen Altona und Eimsbüttel (Eimsbütteler Nachrichten – HVV: Mehr Busse und Bahnen für Eimsbüttel) wirklich keine Gedanken zu machen. Eine Straßenbahn soll es laut Bürgermeister Tschentscher wohl auch in Zukunft nicht geben. Dass unzählige andere Städte dieser Welt vormachen, dass Trams sehr wohl ihren Platz bekommen können und warum die Hamburg SPD sich das nicht einfach mal abgucken kann woanders, bleibt sein Geheimnis. Dafür gibt’s irgendwann zwischen bald und in sehr weiter Ferne den „Hamburg Takt“ und das mutlose Hoffen darauf, dass damit die Straßen vielleicht (und auch irgendwann) wieder freier werden. Echte Visionen für eine Verkehrswende sehen anders aus! (MOPO – Revolution beim HVV: Bürgermeister will Bus und Bahn „bis an die Haustüren“ bringen)

Oder Fahrradverkehr: Ganz aktuell führt uns der Mundsburger Damm auf der Uhlenhorst vor, um was für einen Witz es sich bei Hamburgs gefeiertem Veloroutennetz doch handelt. Obwohl auf dieser Straße gleich zwei solche angeblichen Premium-Bike-Ways verlaufen, sollen Radwege auch nach dem baldigen Umbau als „Mikroradwege“ viel zu schmal bleiben. Weil Bäume erhalten werden sollen und wohl auch der ein oder andere Parkplatz, wird sogar unverschämt an Fußgängers Wegen geknabbert. Auf die simple Idee, sich hier nach weiteren Flächen umzusehen, um Fahrradstadt-taugliche Vision-Zero Radwege zu bauen, scheint niemand zu kommen. Warum auch, wenn unser Bürgermeister sagt „Allein auf dem Fahrrad werden wir nicht im 21. Jahrhundert ankommen“. Nee, Herr Tschentscher, das werden wir auch nicht. Allerdings viel eher, wenn wenigstens diese klimafreundliche Mobilität eine ganz andere Beachtung erfahren würde, meinen Sie nicht?
(Planungen Mundsburger Damm taz hamburg – Fahrradverkehr in Hamburg: Schmalspurlösung für Fahrräder)

Dann wären da noch die Fußgänger, die sich seit Oktober in Ottensen über einige autofreien Straßen freuen. Für ein halbes Jahr wurde das Projekt „Ottensen macht Platz“ angelegt, dummerweise über das Winterhalbjahr hinweg. Liest und sieht man neuere Medienberichte dazu, muss einem Bange werden, ob diese sinnvolle Aktion (wie bereits von Beginn an als Möglichkeit kommuniziert) ausgeweitet und verstetigt wird. Es wäre wünschenswert, dieses Pilotprojekt definitiv auch über das kommende Sommerhalbjahr fortzuführen, womit die Akzeptanz weiter gesteigert werden dürfte. Ein Rückbau oder Abbruch von „Ottensen macht Platz“ wegen einigen Umsatzrückgängen von Geschäftsinhabern, die sich mit einigen Anwohnern bereits in Widerstand üben („Ottensen bewegt“), würde die Bemühungen vieler Menschen aus dem Viertel, Parteien, Behörden und damit die Stadt um Jahre zurückwerfen. (Aktuelle Infos dazu hier: Hamburger Abendblatt – Autofreie Zone in Ottensen – wie es nun weitergehen soll – hinter Paywall)

Um es rund zu machen, bliebe da noch die wunderbare „New green Mobility“, der Part, der per Digitalisierung und Smart Solutions für neue Fortbewegungsmöglichkeiten sorgen soll. Da wäre z.B. MOIA, dessen Sharingminibusse seit fast einem Jahr durch weite Teile Hamburgs kurven, um Menschen möglichst klimaneutral durch die Stadt zu schaukeln. Aber wie sinnvoll ist das alles, wenn, wie neulich selbst vor der eigenen Tür gesehen, innerhalb von gerade mal drei Minuten gleich drei mehr leer als voll besetzte MOIA-Busse durch unsere Straße cruisen und dabei alle nacheinander vor etwa drei nebeneinander liegenden Häusern anhalten, um jeweils ganz genau eine Person aussteigen zu lassen? Man möchte meinen, wenigstens die Situation der katastrophal zugeparkten Straßen im Viertel hat sich ein klitzekleines Bisschen gebessert – aber denkste, nicht ein Auto weniger verstopft Begleitgrün oder Fußwege. Es bleibt die blechverschandelte „Landschaft“ wie eh und je. Ridesharing führt offensichtlich (noch?) nicht dazu, dass die Leute ihre Autos abschaffen; vielmehr quälen sich zusätzlich hunderte neue Gefährte durch die Straßen. (Mehr dazu hier: MOPO – Geteilte Fahrten? Von wegen! Moia-Fahrer können „Pooling“ umgehen – und tun das auch)

Uneingeschränkt Technologie-offen zeigt sich Hamburg auch auf dem Weg zum Verkehrsweltkongress ITS; nur noch ein gutes Jahr ist es hin, bis der Bohei 2021 beginnt. Das alles ist so dermaßen Technologie-offen, dass das Einfache, das Günstige, oder – ganz schnöde ausgedrückt – das Nichtdigitale, völlig aus dem Blick gerät. Gerade solche Lösungen aber werden gebraucht, wenn Verkehrswende gelingen soll. Hinsehen, beobachten, verstehen und testen der simplen Maßnahmen wie breite Radwege, andere Ampelschaltungen wie z.B. „Rundum-Grün“ oder die grüne Welle für Radverkehr, Spuren für Busse überall da, wo sie chronisch im Stau stehen und mehr Plätze und autofreie Straßen sind vielmehr angesagt, um die Menschen wieder unter Menschen zu bringen und Hamburg weitaus staufreier und lebenswerter zu machen. Alle bisher gestarteten ITS Projekte findest du hier.

Auf dem Fahrrad und ungeschützt mitten im Verkehr: „Die Angstweiche“

KURS FAHRRADSTADT hat oft erklärt, was unter einer guten, sicheren und klimafreundlichen Fahrradinfrastruktur verstanden werden kann. Abgeschirmt vom Kraftverkehr radelt es sich am besten, darum sind skandinavische Länder und die Niederlanden uns weit voraus. Dieses Prinzip gilt nicht nur auf freier Strecke, sondern erst recht im Kreuzungsbereich. Bauen tut man in Hamburg jedoch, wie jeder selbst sehen kann, neuerdings fast überall das glatte Gegenteil. Nun werden Schutz- oder Fahrradstreifen auf den Fahrbahnen oftmals bis an die Haltelinien für KFZ herangeführt. Kommt nun zudem eine Rechtsabbiegespur für den Kraftverkehr hinzu, muss dieser in vielen Fällen die Radspuren queren, um sich auf dem Abbieger rechts von der Radspur einreihen zu können, während Radfahrer*innen einfach geradeaus weiterfahren können. Diese Art Radwegführung – umgangssprachlich Fahrrad- oder „Angstweiche“ genannt – entsteht gerade reihenweise in der Stadt. Wer hier drauf fährt, geht nun ein zumindest theoretisch bis zu unglaubliche 200% höheres Risiko ein, einen Unfall zu erleben, als es zuvor der Fall gewesen ist. Eine wissenschaftliche Studie zu diesen „Angstweichen“ hat nun die TU Berlin in diesem Jahr erstellt. Erhoben wurden Daten innerhalb von 6 Jahren (3 Jahre vor Umbau, 3 Jahre danach) an 48 Kreuzungen in den 3 verschiedenen, unterschiedlich großen Städten Berlin, Hannover und Leipzig. Die Studie selbst kommt zu einer Erhöhung der Unfallrate um rund 50% und dem Schluss, dass diese Infrastruktur alles andere als empfehlenswert ist. Auch bemerkt diese Untersuchung – und das ist übrigens besonders interessant – , dass gerade mal 1% der auf solchen „Angstweichen“ überhaupt radelnden Menschen Kinder und Senioren sind. Diese Altersgruppen sind allerdings statistisch naturgemäß in die meisten Unfälle (über 50%) verwickelt. Nicht umsonst heißt es darum immer wieder, dass Radwege nur dann gut sind, wenn sie alle Menschen, von ‚8 – 88 Jahren‘, gut befahren können.

Wie kommen die 300% zustande?
Laut Studie gibt es nach der Installation der „Angstweichen“ eine Steigerung der Unfallzahlen von 8 auf 12 Schwerverletzte. Dabei nutzen die Hochrisikogruppen der unter 15-jährigen und über 65-jährigen augenscheinlich diese Infrastruktur nicht mehr (unter nur 1%!). Diese Gruppen stellen aber (zumindest unter 15 und ab 60 Jahre aufwärts) ungefähr 50% (genau 43%) aller Schwerverletzten Radfahrer in Deutschland dar (siehe Statistik Fahrrad-Unfälle in Deutschland 2018). Diese Gruppen fahren hier nicht mehr, also hätte die Unfallzahl theoretisch von 8 auf 4 (um die Hälfte) sinken müssen. Tat sie aber nicht, selbst ohne die Risikogruppen klettert die Zahl auf 12 hinauf, verdreifacht sich also, das Unfallrisiko erhöht sich um 200% und steigt auf 300%.

Auf dem Blog „Hamburg steigt auf“ könnt ihr einen analytischen und tiefer erläuternden Beitrag lesen, der im Original erklärt, wie genannte 300% nun tatsächlich zu verstehen sind. (Zum „Hamburg steigt auf“-Beitrag: Double Use of Evaluation oder “In God we trust. Everything else, bring data.”) Wer alles noch genauer wissen möchte, wer verstehen möchte, wie geschützte Kreuzungen funktionieren, ob sie wirklich sicherer sind, mehr Platz brauchen etc. sollte sich unbedingt den neuen, wunderbaren Beitrag von „Darmstadt fährt Rad“ ansehen – auch hier wird explizit auf die Thematik „Angstweiche“ eingegangen, und das gleich aus verschiedenen Perspektiven, große Klasse: Wunderlösung Schutzkreuzung?

Es ist erstaunlich und erschreckend, dass Hamburg nicht bereit ist, von Best-Practise Lösungen, die es längst schon in diversen anderen Städten und Ländern gibt, zu lernen. Dass man hier resistent ist gegen alles, was Radverkehr tatsächlich wirklich fördern würde. Das hat übrigens auch schon einer gemerkt, der es bestimmt wissen muss:

„I have noticed that large, proud countries suffer from a „not invented here“-mentality. Adopting ideas from small countries like Denmark or the Netherlands? Nah. We can do it ourselves.“

Mikael Colville-Andersen – „Copenhagenize – The Definitive Guide to Global Bicycle Urbanism“

So oder so, in Hamburg wird quasi wissentlich mit Menschenleben gespielt, anders kann man sich das alles nicht mehr erklären. Ob die Grünen daran etwas ändern würden, wenn sie ans Ruder kämen, bleibt wohl fraglich. Bliebe noch der kleine Hinweis, dass Infrastrukturen (oder Geräte,…, ….) in anderen Bereichen, die so miese und gefährliche Resultate zeigen, längst zwecks Abwendung unnötiger Gefahren überdacht, überarbeitet oder umgebaut worden wären. Vor allem dann, wenn es um Autos geht. Hamburger Radfahrende haben eine solche unter Umständen lebensrettende Einsicht ganz offenbar nicht verdient. Danke dafür, rotgrüner ‚Fahrradstadt Hamburg‘- Senat.

Osterstraße – alles supi?

Gerade vor wenigen Tagen wurde die Evaluation der neu gestalteten Osterstraße im Bezirksamt Eimsbüttel vorgestellt. Um es kurz zu fassen: Wie erwartet sind die Fußgänger sehr zufrieden, ebenso die Gastronomie. Nicht ganz so glücklich scheinen die Autofahrenden zu sein und am wenigsten begeistert sind – oh Wunder – die Fahrradfahrer*innen. Die Durchschnittsgeschwindigkeit des Kraftverkehrs hat sich nur wenig nach unten verschoben und jetzt kommt’s: Unfälle mit Radfahrenden haben sich seit dem Umbau etwa halbiert, weshalb alle von SPD bis Grüne sich auf die Schultern klopfen und sich bestätigt sehen, auf dem richtigen Weg zu sein. Auch wenn es hier keine wissenschaftliche Studie wie die der TU Berlin zu den „Angstweichen“ für die Osterstraße gibt, ist es für alle wohl nur schwer übersehbar, dass auch hier ganz offensichtlich „99% der Nutzenden dieser Fahrradinfrastruktur Erwachsene sind“, um es mit den Worten der TU-Berlin-Studien-Autoren zu sagen. Kinder und Senioren meiden das Radeln auf den Witzstreifen – also auch hier bitte Vorsicht mit zu schnellem Jubel!

Wir von KURS FAHRRADSTADT werden diese Straße auf jeden Fall weiter im Blickpunkt behalten.

(Ergebnisse Evaluation Osterstraße: Eimsbütteler Nachrichten – Ergebnisse der Osterstraßen-Umfrage: Fahrradfahrer teilweise unzufrieden)

Sicher im Verkehr unterwegs? Aber klar doch!

Zuletzt möchten wir gerne noch ein anderes Thema ansprechen. Wir wurden bereits mehrfach auch von unseren Unterstützer*innen gebeten, es endlich mal zu tun. Es geht um uns Fahrradfahrer*innen selbst. Dieser Bitte möchten wir hiermit gerne nachkommen.

Wir haben es bisher bewusst vermieden, im größeren Umfang auf das Fahrverhalten Vieler gegen teils alle Regeln durch die Stadt flitzenden Radfahrender zu berichten, weil unser Einsatz für mehr Sicherheit davon unberührt bleiben sollte. Wir möchten uns nicht vorwerfen lassen, „immer nur zu wollen“, ohne dafür im Gegensatz bereit zu sein, „auch zu geben“. Dieser Diskussion sind wir darum aus dem Weg gegangen. Nun aber aus gegebenem Anlass unsere Meinung dazu:

Wir wissen, dass eine insgesamt eher miserable Fahrradinfrastruktur dazu verleitet, Regeln zu brechen. Experten wie Jan Gehl oder die von Copenhagenize merken an, dass Regeln, wie sie im Verkehrsrecht sind, in erster Linie auf die Belange des Kraftverkehrs zugeschnitten sind. Alle anderen, seien es zu Fuß gehende oder radelnde Menschen, haben sich demnach dem Diktat des Kraftverkehrs unterzuordnen. Das ist sicherlich ein Grund für viele Regelverstöße, die durch eine gleichberechtigtere Gesetzgebung zu einem guten Teil vermieden werden könnte. Auch ist allgemein bekannt, dass je besser ausgebaut eine Fahrradinfrastruktur ist und regelkonformes Verhalten auch kontrolliert wird, die Menschen diese Regeln eher akzeptieren. Insofern können wir durchaus nachvollziehen, warum viele Radler*innen kreative, leider auch gefährliche Wege finden, diese Regeln zu umfahren. Den Autofahrer möchten wir schließlich sehen, der minutenlang vor roten Ampeln stehen muss, wie es für Fußgänger oft „selbstverständlich“ ist und darüber bitteschön nicht mosert. Wir möchten all die Autofahrer sehen, die nicht mehr mit erhöhter Geschwindigkeit durch die Straßen brausen und die Autolenker, die rote Ampeln ab sofort nicht mehr als „grobe Richtschnur“ erachten, sondern bitte anhalten, statt auf’s Gas zu drücken. Gefahren, die durch solches Verhalten ausgehen, sind nämlich um ein Vielfaches höher als die, die von einem Radfahrenden für einen Menschen hinter dem Autosteuer ausgehen.

Allerdings ist das keine Entschuldigung und schon gar keine Berechtigung dazu, sich falsch im Straßenverkehr zu verhalten! Regeln gelten nun mal so, wie sie sind. Dies beinhaltet selbstverständlich auch, ohne laute Musik im Ohr und in der Dunkelheit mit Licht Rad zu fahren.

Über kaum ein Thema im Zusammenhang mit dem Fahrrad wird so erbittert zwischen Kraft- und Radverkehrsanhängern gestritten wie über dieses. Hört euch um, schaut ins Netz – es begegnet euch überall.

Wir haben deshalb die ganz große Bitte an euch alle:

Haltet euch an die Regeln! Seid den jüngsten Verkehrsteilnehmer*innen unter uns ein gutes Vorbild! Nehmt eure Verantwortung wahr! Vor allem aber: Nehmen wir unseren Kritikern den Wind aus den Segeln! Damit wir alle mit gutem Gewissen weiter fordern können – ohne dabei Kompromisse machen zu müssen, „weil wir zunächst mal lernen sollten, uns korrekt zu verhalten“.

KURS FAHRRADSTADT

Viel wichtiger als das ist aber etwas ganz anderes:
Ihr setzt nicht nur euer eigenes Leben aufs Spiel, sondern Ihr erspart euch Gefahren und anderen Momente im Leben, die traumatisch ausgehen können.
Und: Auch ihr habt im Zweifel die besseren Karten, wenn ihr euch vernünftig verhaltet anstelle unliebsame Bekanntschaften mit Motorhauben zu machen. Wie das für euch ausgehen kann, sollte jedem Menschen auf einem Fahrrad klar sein.
Ganz einfach ist das also alles, seid schlau: Der Klügere gibt nach.

Wir hoffen, der vorhin genannten Bitte hiermit gerecht geworden zu sein.

5.000 mal für echte Fahrradstadt Hamburg!

KURS FAHRRADSTADT fehlen aktuell keine 50 weitere online-Unterschriften mehr, um den nächsten Meilenstein, die 5.000er Marke, zu knacken. Vielleicht fallen euch noch Freunde, Kolleg*innen oder Bekannte ein, die ihr auf uns aufmerksam machen könntet? Das wäre ein schönes Weihnachtsgeschenk 🙂

Wer Lust hat, selbst an Klimaschutz – Szenarios zu werkeln, sollte sich das EN-ROADS-Tool einmal ansehen. Regler für alles Mögliche hoch und runter schieben und in lauter hübschen Grafiken sehen, wie viel Wald z.B. aufgeforstet, wie Energieversorgung umgestellt, CO² vermieden wird sowie wie sehr sich die Temperaturen verändern und der Meeresspiegel steigt. Klimaknobeln mal ganz anders:
Climate Change Solutions Simulator.

Wir wünschen euch einen schönen Rest der Adventszeit und Vorfreude auf die Weihnachtstage.
Fahrt vorsichtig und passt gut auf euch auf!

Herzlichste Grüße,

euer Team KURS FAHRRADSTADT

Hier KURS FAHRRADSTADT unterzeichnen – und mit Glück dabei Nummer 5.000 werden!

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4 Kommentare zu „Verkehr und Klimaschutz in Hamburg kommen auf keinen grünen Zweig“

  1. „…also hätte die Unfallzahl theoretisch von 8 auf 4 (um die Hälfte) sinken müssen. Tat sie aber nicht, selbst ohne die Risikogruppen klettert die Zahl auf 12 hinauf, verdreifacht sich also. Gleich + 300%.“

    Wo seid ihr denn zur Schule gegangen?!
    Von 4 auf 12 ist tatsächlich eine Verdreifachung.
    Es entspricht jedoch +200%!

  2. Großartiger Rant. Mit dem Regelappel am Schluss bin ich nicht einverstanden.

    Neben der Infrastruktur muss sich vor allem die Mentalität in der Stadt ändern: Im Zweifel, in unklaren Situationen hat der Fuß- und Radverkehr immer Vorrang.

    Solange die Infrastruktur so schlecht ist, verlange ich weitgehende Toleranz ggü den alltäglichen Allerweltsverstößen des Radverkehrs. Ich möchte, dass jeder weitgehend frei fahren kann, denn das ist das Wesen des Fahrrads: Freiheit.

    Eines meiner Lieblingsbeispiele für unsinnige und sinnlose Behinderung des Radverkehr sind die kleinen Fahrradampeln an den Fußgängerübergängen bei den Bussen Stabi/Logo. Wie man auf die Idee kommen kann, hier extra Lichtzeichen für den Radverkehr zu installieren erschließt sich nicht. Es gelten die Autozeichen, bestenfalls wäre ein gelbes Blinklicht angemessen. Ein Rad hier bei leerem Fußgängerübergang zum Halten zu zwingen, ist mündigen Verkehrsteilnehmern nicht zu vermitteln.

    Ich verlange aber Rücksicht gegen schwächere so wie ich Rücksicht von den Autos verlange. Die Polizei Hamburg verfolgt aber harmlose Papierregelverstöße mit schikanösen Großkontrollen als Selbstzweck. Gefährdungen und grobe Rücksichtslosigkeit sollen selbstverständlich verfolgt werden.

    Aber ohne Mentalitätswende keine Verkehrswende. In Hamburg ist die leider noch ganz weit weg. Leider auch bei Grün

  3. Größte Teile des Artikels finden meine Zustimmung. Dankeschön!

    Den Hinweis, man möge sich doch an die Regeln halten, unter anderem um weniger angreifbar zu sein in der Verkehrsdiskussion, finde ich allerdings überflüssig.

    Viele Regelverstösse haben was von Notwehr. Bsp. Kieler Straße, über A7 stadteinwärts. Das ist eine reine Zumutung. Und das ist ja eher die Regel. Mit einem Videospiel, bei welchem man ständig verschiedenen Hindernissen ausweichen muß, hat mal ein Kopenhagener Besucher das Radfahren in Hamburg verglichen.

    Angesichts des Nutzens des Radelns für die Allgemeinheit hinsichtlich Platz-, Luft-, Ressourcenverbrauchs, u. Gesundheitsgewinns ist die Debatte um Regelverstöße beim Radverkehr Ablenkung. Wie egal Regeln dem Bundesverkehrsministerium sind, kann man auch gut bei der Einführung der E-Roller sehen. Sie werden auf Radwegen abgestellt, und viele ihrer Benutzer wissen wenig über sie Vrrkehrsregeln – darüber hätte man sich im Ministerium VORHER Gedanken machen müssen. Ökologisch sind sie bedenklich. Auch der Vorrang von fließendem vor stehendem Verkehr wird ignoriert, aber kaum geahndet.

    Ein sich nicht regelkonform verhaltender KFZ-Führer gefährdet in der Konsequenz potentiell Gesundheit und Leben anderer. Bei Fußgängern und Radlern gefährden sie i. d. Regel sich selbst.

    Das ist eine Ablenkungsdebatte, die sich selbst erledigen wird. Gebt Platz für Radler/lasst uns ihn schafen, ermöglicht ihnen zügiges, sicheres Vorrankommen, auch, und vor allem, zur SCHULE, macht sinnvolle Verkehrsführung, gebt ihnen zusammen mit den Fusgängern Priorität – denn sie lösen so viele Problme innerstädtischen Verkehrs! Und jeder, der sich über Radler aufregt, soll sich mal selbst drauf setzten, und erleben wie das ist, im Verkehr.

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